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Predigt zum Hamburger Motorradgottesdienst, 13.7.2008.
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater und dem Herrn, Jesus Christus. Amen.
Zukunft Leben, lautet heute das Thema dieses Gottesdiens-tes. Und ich möchte mit Euch gemeinsam mal ein bisschen in die Zukunft des Lebens schauen. Was mag Euch bewegen, wenn Ihr an die Zukunft denkt?
Ich habe ein Paar vor Augen, das bald heiraten wird und heute hier ist, den Gedanken an die Zukunft, mit Bildern von Glück, von haltbarer Liebe, aber auch von anstehenden Problemen.
Ich dachte an die von Euch, die Kinder haben und sich immer wieder fragen, wie sieht die Welt aus, wenn unsere Kinder groß sind? Nicht nur die Frage, ob man dann den Sprit für Motorräder überhaupt noch bezahlen kann, oder ob nach den Italienern irgendwann auch die deutschen Behörden den Bikergruß verbieten. Sondern ganz tiefgehende Fragen: Wie sicher ist die Welt der Zukunft? Welche Nöte werden unseren Kindern begegnen? Welche Werte werden ihnen wichtig sein?
Ich dachte auch an Menschen, die heute hier traurig sitzen, jemand verloren haben, erfahren haben, dass sie sehr krank sind, sich quälen mit alten Geschichten; Menschen, die nichts Gutes von der Zukunft erwarten mögen, weil ihr Vertrauen verletzt ist und sie Angst haben.
Die Dpa meldet gestern, dass die Menschen unseres Landes so pessimistisch sind, wie seit 1990 nicht mehr. Diese Haltung begründen die Menschen mit finanziellen Befürchtungen. Können wir die Zukunft noch bezahlen?
Und mitten in all diesen Gedanken taucht die Erinnerung an meine Großmutter auf. Sie lebt schon lange nicht mehr. Sie hat mit ihrer ein wenig brüchig gewordenen Stimme und mit einem schönen Lächeln manche Sätze von der Zukunft begonnen, indem sie sagte: „So Gott will und wir leben....“
So Gott will und wir leben.
Manche kriegen Angst, wenn ich diesen Satz sage, als könnte Gott auch nicht wollen, dass wir leben. Aber für mich ist es ein Satz ohne Angst, denn wie meine Großmutter bin ich mir sicher: Gott will, dass wir leben. Und er hat für dieses Wollen mehr Möglichkeiten, als wir in ahnen.
Zukunft Leben! Unser Leben und unsere Zukunft sind bei Gott wunderbar aufgehoben. Nicht einmal der Tod kann uns von der Zukunft, die Gott möglich macht, trennen.
Und um diese Weite der Zukunft Gottes einmal aus einer ganz seltenen Perspektive zu schildern, habe ich Euch eine besonders schöne Erzählung von der Zukunft mitgebracht.
Sie geht so:
Ein Zwillingspaar im Mutterleib unterhält sich. Einer von beiden ist der kleine Sichere, der andere ein kleiner Zweifler.
Der kleine Zweifler fragt den kleinen Sicheren: Hey, glaubst Du eigentlich an ein Leben nach der Geburt?
Der kleine Sichere: Na klar, das gibt es. Unser Leben hier ist nur dazu gedacht, dass wir uns auf das Leben nach der Geburt vorbereiten; damit wir reif sind für das, was uns erwartet.
Darauf der kleine Zweifler: Blödsinn, wie soll das überhaupt aussehen, ein Leben nach der Geburt?
Der kleine Sichere: Das weiß ich auch nicht so genau. Es wird vielleicht viel heller sein als hier. Und vielleicht werden wir herumlaufen und mit dem Mund essen.
Der kleine Zweifler: So ein Quatsch! Herumlaufen! Wir schwimmen doch schon unser Leben lang. Und mit dem Mund essen, eine komische Idee. Es gibt doch die Nabelschnur, die uns ernährt. Außerdem funktioniert ein Leben nach der Geburt nicht, die Nabelschnur ist doch jetzt oft schon viel zu kurz.
Der kleine Sichere: Doch, das geht bestimmt. Es wird eben alles anders, als wir es kennen. Man kann es jetzt bloß noch nicht wissen, nur glauben.
Der kleine Zweifler: Aber es ist noch nie einer zurückgekommen nach der Geburt. Mit der Geburt ist das Leben hier zu Ende.
Der kleine Sichere: Ich weiß nicht so genau, wie das Leben nach der Geburt aussieht, aber jedenfalls werden wir dann unsere Mutter sehen.
Der kleine Zweifler: Mutter?! Du glaubst an eine Mutter? Wo ist sie denn bitte? Kannst Du sie mir mal zeigen?
Der kleine Sichere: Sie ist hier, überall um uns herum. Wir sind und leben in ihr und durch sie. Ohne sie könnten wir schon jetzt gar nicht sein.
Der kleine Zweifler: Ach hör auf! Meiner Mutter bin ich noch nie begegnet, also gibt es sie auch nicht.
Der kleine Sichere: Doch! Manchmal, wenn wir ganz still sind, kannst du sie singen hören; oder spüren, wenn sie unsere kleine Welt sanft streichelt. Ich glaube auf jeden Fall, dass es ein Leben nach der Geburt gibt – und vielleicht beginnt es dann ja sogar erst wirklich.
Dann beginnt das Leben erst wirklich. Ist das nicht schön? Mich hat diese Geschichte völlig fasziniert. Die Tür zum Leben öffnet sich in dem Moment, wo der Zweifler meint: Nun ist es aus.
Wie schön wäre es, wenn wir das glauben können.
Die Bibel will uns helfen, dass zu glauben. Sie hat ein Bild für diese Zukunft, in Psalm 27, Vers 13:
Sie nennt die Zukunft das Land der Lebendigen.
Dieser großartige Psalm beginnt mit den Worten:
Der Herr ist mein Licht und mein Heil, vor wem sollte ich mich fürchten; der Herr ist meines Lebens Kraft, wovor sollte mir grauen.
Das ist in Wirklichkeit die Not, wenn wir voller Zweifel an die Zukunft denken. Dass unsere Angst größer wird als die Si-cherheit. Wir kennen das Ende unserer Lebensgeschichte nicht, und das macht uns Angst.
Und das Ziel Gottes ist es: Dass wir die Angst verlieren. Angst verlieren in Bezug auf die Zukunft, die wir nicht überblicken. Angst verlieren, obwohl wir nicht in der Hand haben, wie es wird.
Eine Angst verlieren, mit deren Hilfe wir jetzt noch oft in die Enge getrieben und über den Tisch gezogen werden.
Was wird nicht alles an Policen verkauft, die in Wirklichkeit nichts nützen, aber gegen die Angst sollen sie helfen.
Was wird nicht alles gegessen, geschluckt, unternommen, weil wir hoffen, wir müssten dann weniger Angst vor dem Morgen haben.
Schon immer waren Menschen bereit, Unsummen auszugeben, bloß um keine Angst mehr haben zu müssen.
Gott lässt uns ganz ohne jeden Umweg sagen: Habt keine Angst.
So, wie wir das Leben nach Geburt kennen und deshalb über die Zwillinge in der Geschichte schmunzeln können, so kennt Gott das Leben nach dem Tod.
Und er schmunzelt nicht über uns. Er kennt es so sicher, dass er uns die Angst vor der Zukunft gerne nehmen möchte.
Unser Leben hat Zukunft; Zukunft Leben.
Wir überblicken das nicht, und doch macht es Sinn, zu vertrauen.
Noch einmal Psalm 27:
Vater und Mutter verlassen mich, aber Gott nimmt mich auf.
Das Leben nach der Geburt bedeutet das Verlassen der Mutter. Aber die Mutter verlässt nicht ihre Kinder, nicht einmal den kleinen Zweifler.
So verlässt Gott seine Menschen nicht, niemals. Und aus die-ser Zusage entsteht eine Einladung: Lasst los; all, die Vermeidungsstrategien zur Angst loslassen! Lasst Euch einladen, diesem Gott zu vertrauen!
Und was bedeutet Vertrauen? Manche meinen, Gottvertrauen sei, mit verbundenen Augen mit Vollgas und ohne Vorfahrt über eine belebte Kreuzung zu donnern. Als sei Vertrauen fast so etwas wie blinder Wahnsinn.
Für mich heißt Gottvertrauen aber etwas ganz anderes: Für mich heißt es: Ich sehe das Leben mit offenen Augen und ganz wirklich. Und so, wie ich es sehe, bin ich bereit, mich einzusortieren in das große Ganze des Lebens, wie Gott es in der Hand hält. Ich vertraue, dass ich nicht verloren gehe, selbst wenn ich mich zuweilen ganz verloren fühle. Ich fange an loszulassen, selbst wenn ich noch nicht bis ins Letzte weiß, wohin die Reise geht.
In bin wie der Artist in der Zirkuskuppel, der mitten im Salto Mortale des Lebens nach der Hand des anderen greift und glaubt, dass sie sicher da sein wird.
Gottvertrauen ist nicht blind, kann nicht tun, was es gerade so will. Es ist nicht gegen die Vernunft, aber es geht über sie hinaus.
Im wirklichen Leben wirkt sich Gottvertrauen so aus, dass Menschen auch im tiefsten Kummer auf dem Weg bleiben können. Oder es kann bedeuten, dass auch noch die fast verlorene Liebe weiter gesucht und zum Leben zurück gepflegt wird. Gottvertrauen bedeutet, dass dumme und wilde Herzen einen Liebhaber haben, der sie mitten in Allem hält und führt. Gottvertrauen sieht das kleine Hoffnungslicht in der großen Dunkelheit.
Gottvertrauen reicht so weit, dass Leben auch dort noch eine Zukunft hat, wo wir sonst sagen müssten: Hier ist Schluss, oder im Wortlaut der Geschichte:
Es gibt kein Leben nach der Geburt, schließlich ist noch nie einer zurückgekommen.
Das Leben hat Zukunft, sogar noch nach dem Tod.
Tod ist eine harte Grenze. Und an Grenzen entstehen drängende Fragen unserer Seele. Gott lässt uns sagen, dass er die To-desgrenze überschritten hat, damals, als er den Stein von der Grabtür seines Sohnes weggerollt hat und seinem Kind neues Leben geschenkt hat. Da öffnete sich die Tür, die bis heute uns allen offen steht. „Ich lebe, und Ihr sollt auch leben“ ist das Versprechen Jesu und übrigens auch die Jahreslosung über diesem Jahr 2008.
Habt keine Angst, ist die liebevolle Einladung Gottes an dieser Tür, fast so gesprochen, als wenn Mutter und Vater ein ängstliches Kind beruhigen, das mitten in der Nacht aufgewacht ist. Hab keine Angst, Dein Leben hat Zukunft, komme, was will.
Ich schließe, indem ich sage: Mich persönlich trägt diese Gewissheit ganz oft, gerade auch, wenn Menschen mich mit dem Schweren ihres Lebens in Berührung bringen.
Wir werden nachher beim Totengedenken schlimme Nachrichten hören, und auch ohne sie haben wir genug Trauer, Not und Angst im eigenen Leben.
Aber mitten in dieser Wirklichkeit des Lebens schenkt Gott dem Leben Zukunft. Das lässt er uns sagen. Das ist Zukunft Leben.
Amen.
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