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MOGO Husum 2012 – von der Sonne überrascht
Eingestellt am: 10.04.2012

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Predigt zum Kölner Motorradgottesdienst, 9.10.2010

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater und dem Herrn, Jesus Christus. Amen.

Grenzerfahrung, so lautet das Thema dieses Gottesdienstes, das Thema dieser Predigt.
Und ich finde, dieser Raum und dieser Tag predigen schon lange, bevor ich etwas sage, Grenzerfahrung.
Dieser Dom ist eine Grenzerfahrung in vielerlei Hinsicht: Eine Weltkathedrale, himmelhoch und doch geerdet durch den Boden, auf dem sie steht, durch die Menschen, die in ihr arbeiten. Ein Haus, indem Weite und Ferne Gottes spürbar wird, und zugleich will Gott genau hier die Seele der Menschen von innen heraus ganz tief berühren.
Grenzerfahrung auch zwischen den Menschen und diesem Ort: Berührungen in ökumenischer Weite. Und nicht nur verschiedene Glaubensrichtungen, sondern auch Menschen, denen Glaube sonst vielleicht eher suspekt ist, sind heute hier, haben eine Grenze zumindest berührt oder gar überschritten, indem sie dabei sind.
Grenzerfahrung durch den Ort und durch die Menschen.

Aber Grenzerfahrung ist auch Thema der Biker, die heute hier sind. Wir haben neulich in der Biker-Gruppe meiner Gemeinde schon mal so eine Art Brainstorming zu diesem Begriff gemacht. Und es kam auf Anhieb viel, auch vieles, was sehr intensiv an persönliche Grenzerfahrung rührte.
Es kamen harmlose Gedanken aus dem eher pädagogischen Bereich: Man muss Grenzen ziehen, gerade auch im Umgang mit Heranwachsenden.
Es kamen – natürlich – Erfahrungen aus dem Bikeralltag: Grenzerfahrung im Zusammenhang mit Unfällen. Und es kamen vor allem Gefühle hoch rund um dieses Wort. Gefühle aus Zeiten, wo im eigenen Leben die Grenzen erfahren wurden, Grenzen im Aushalten von Leid und Schmerz, Grenzen der Hoffnung.
Grenzerfahrung, das ist ein Grundthema des Menschen.

Das fing übrigens schon an, als wir geboren wurden, die Grenze zwischen drinnen und draußen massiv überwinden mussten, oder noch davor, als unser Vater und unsere Mutter die Grenze zwischeneinander hinter sich und uns werden ließen. Und noch davor, als Gott am Anfang allen Lebens die Grenze zwischen Wasser und Land, zwischen Tag und Nacht werden ließ und damit das Chaos des Lebens zur Schöpfung ordnete und irgendwie alles begann – so jedenfalls ist das Bild der Bibel dafür gemalt.

Grenzerfahrung ist ein Grundthema des Lebens, zwischen Menschen, zwischen Himmel und Erde, zwischen Mensch und Gott, zwischen mir und allem.

Aber zurück aus den Weiten der Philosophie und der Theologie zu uns als Bikern. Wir erleben dieses Thema ja auch ganz technisch: Grenzerfahrung am Bremspunkt, am Kurvenscheitel, in der Gefahrensituation, im technisch Leistbaren, im persönlich Überschaubaren.
Und – was mich fasziniert, wenn ich beginne, das zu begreifen: Technik und Philosophie, der Anfang allen Lebens und ich persönlich gehören gerade in diesem Thema ganz eng zueinander.
Anders gesagt: Die Grenzerfahrung in der langgezogenen Linkskurve, die sich zuzieht und dann am Ende auch noch ein bisschen Rollsplit für mich be-reithält, berührt alle anderen Grenzen meines Lebens mit.
Das klingt vielleicht merkwürdig, wird aber deutlicher, wenn wir an Gelegenheiten denken, wo wir an solchen Grenzen scheitern. Je nach Schwere des Scheiterns fragen wir nämlich nicht mehr nach dem ADAC und seinem Sicherheitstraining, sondern fragen, „wie konnte Gott das zulassen“. Und übrigens immer wieder wird berichtet, dass schwer Verunfallte nach Mutter oder Vater oder nach Gott rufen, als sei das die allertiefsten Heimatadressen der Seele.
Wie damals Jesus selbst, an der Grenze zu seinem Tod: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen.
Mit anderen Worten: Jede kleine Grenze unseres Lebens rührt an das große Thema Grenzerfahrung. Und also fragt sie nach unserem Umgang damit. Was tun wir an einer Grenze? Wie geht Akzeptieren? Wie kann Überwinden sein?

Grenzen sind da. Wenn nicht, wäre es auch schlecht. So, wie es ganz lapidar der Satz sagt: Wer für alles offen ist, kann nicht ganz dicht sein.
Grenzen sind Linien, die für Dichtigkeit, für Abgrenzung im Guten sorgen. Erst innerhalb von Grenzen ist Leben möglich. Schwer wird es dort, wo wir gerne drüber kämen, aber scheitern.

Ich habe eine Geschichte gefunden, die auf ihre Art von einer Grenze erzählt, und von ihrer Überwindung.

Ein Mensch bekommt eine besondere Chance. Er darf noch zu Lebzeiten Himmel und Hölle besuchen, um zu erfahren, wie es dort zugeht, was der Unterschied zwischen beiden ist. Als er gefragt wird, was er zuerst sehen möchte, entscheidet er sich für die Hölle.
Man führt ihn dorthin. Und was er sieht, sind lange Tische, die gefüllt sind mit den köstlichsten Speisen. Und an den Tischen sitzen Menschen, die sich von diesen Speisen ernähren dürften. Aber was für ein Geschrei und Gezeter herrscht unter diesen Menschen! Der Grund ist: Jeder von ihnen hat einen Löffel an die Hand gebunden, der zum Essen der Speisen dient. Dieser Löffel hat allerdings den Nachteil, dass er länger ist, als der eigene Arm. Und so können die Menschen damit den eigenen Mund nicht erreichen. Und so schreien und schimpfen sie vor den vollen Tischen, weil sie die Speisen nicht zum Mund führen können. Hölle ist ein trauriger Ort.

Nun will der Mensch den Himmel sehen. Und als der dorthin kommt, wundert er sich, denn dort ist dasselbe Bild. Die Tische voller Speisen, die Menschen davor, die ebenso langen Löffel ebenso an die Hände gebunden. Aber ganz anders als in der Hölle allerfriedlichste, vergnügte und angenehm satte Stimmung. Was ist passiert? Die Menschen nutzen die überlangen Löffel, um sich gegenseitig über den Tisch hinweg die Nahrung in den Mund zu geben.
Der Unterschied zwischen Himmel und Hölle.

Soweit die Geschichte.
Grenzerfahrung. So banal, der Löffel ist zu lang. Ich komme nicht zu mir selbst. Akzeptieren, nicht schreien. Und dann Schritt zwei: Auflösung der Not, Grenzüberschreitung. Mein Gegenüber kann ich erreichen. Ich kann mit meiner Grenze umgehen lernen. Und ich überwinde die Grenze so, dass mein Gegenüber dabei leben kann – und ich dadurch auch.
Grenzerfahrung.
Und die Gegenbewegung - heißt Liebe schenken. Das ist immer wieder so erstaunlich an Gott, dass seine Gegenbewegung anders ist, als wir wohl gedacht hätten.
Wir rütteln an Grenzzäunen, reißen sie ein, stürmen drüber hinweg, verfluchen Grenzen, verdammen notfalls die auf der anderen Seite.
Gott hat das an der allerschwersten Grenze, an die er je in seinem Leben gekommen ist, anders gemacht: Er hat das Kreuz, an dem sein Kind hing, nicht verbrannt, die Menschen, die das getan haben, nicht verdammt, und die Erde, auf der das geschah nicht vernichtet.
Sondern in seinem sicher schwer gewonnenen Übergewicht der Liebe hat er am Todespfahl, am Kreuz einen Lebensfaden angebunden und damit einen neuen Weg markiert, der bis in den Himmel führt.
Dieser Weg, auf dem der Umgang mit dem überlangen Löffel und das Füttern den Unterschied machen zwischen Himmel und Hölle, beruht nicht auf Klugheit, sondern kommt aus der inneren Haltung der Herzen; beruht auf Liebe.
Liebe überschreitet Grenzen. Das ist seit allen Zeiten so. Grenzen zwischen Kulturen, Religionen, Sprachen und Schichten; vor allem aber die Grenze zwischen Tod und Leben wird so nur von der Liebe überschritten.
Grenzerfahrung kann so schmerzhaft sein. Aber Liebe als Erfahrung an der Grenze hat die Kraft zu heilen, kann die Seele sattmachen, wie im himmli-schen Teil der Geschichte.
Mit anderen Worten: Wo wir in unserer Grenzerfahrung drohen stecken zu bleiben, drohen, verletzt liegen zu bleiben, drohen, in Hoffnungslosigkeit abzutauchen, da kommt immer wieder dieser Gott ins Spiel, der mit Hilfe seiner Liebe Himmel möglich macht, und zwar genau an den Grenzen unseres Lebens.
Das reicht bis in den Bereich unserer sehnsüchtig erwarteten Schutzengel hinein. Ich bin überzeugt, dass unsere Engel nicht nur die Daumen Gottes dazwischen halten, damit es noch mal gut geht. Sondern ich glaube, es gibt auch so etwas wie Gottes Reiseengel, die dann, wenn es nötig ist, mit uns die Koffer packen und den Weg zum Himmel bewältigen.
Gott macht es mit unseren Grenzerfahrungen nicht immer so nur gut, dass er unsere Wünsche wahrmacht und unsere Ängste überflüssig. Sondern er holt uns manchmal auch aus der Not zu sich und nicht zurück ins Leben. Und auch dann noch kann es gut sein, wenn auch auf eine Art, die uns viel zumutet.

Grenzerfahrung. Sie gehört fest zu unserem Leben dazu. Die Einladung heute heißt, sie zu akzeptieren. Und dann so, wie wir können und wie Gott uns dabei hilft, auf die Kraft der Liebe zu vertrauen, die die Grenze aushält und überwindet. Und immer mit der einen festen Gewissheit:
Wir gehen an den Grenzen des Lebens niemals verloren. Das hat Gott uns versprochen.

Amen.