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MOGO 2012 – macht Mut zum Machen
Eingestellt am: 18.01.2012

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Predigt

Predigt
zum 27. Hamburger Motorradgottesdienst


MOGO-Pastor Erich Faehling

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater und dem Herrn, Jesus Christus. Amen.
Das hier ist ein Fixateur. Allerdings nur ein Nachbau. Das Original besteht aus Kohlefaser und kostet 20.000 Euro. Echt an diesem hier in meiner Hand sind die 6 Edelstahlschrauben, drei je 19 cm, drei je 25 cm lang, blitzblank. Jetzt wieder blitzblank, denn vor einem knappen Jahr haben sie im Fleisch und im Knochen von Jan gesteckt.
Hinter der Kurve.....
So lautet das Motto des diesjährigen MOGO und das Motto dieser Predigt.
Hinter der Kurve hat Jan diesen Fixateur gefunden und die 6 Edelstahlschrauben.
Oder jedenfalls indirekt hat er sie dort gefunden.
Zunächst einmal hat er dort ein Auto gefunden, das quer zu seiner Fahrtrichtung in die Kurve einfuhr. Den Aufprall kann Jan nicht mehr erinnern. Aber an die Monate danach haben er, seine Frau, seine Familie und wir alle vom MOGO viele Erinnerungen.
Da war Panik, Riesenangst, endlose Telefonate quer durch die Republik: Jan ist schwer verunglückt. Und wir wissen nicht, ob er überleben wird. Mails, Einträge in Gästebücher und Foren, Gebete, Zittern und Bangen. Dutzende OPs, Intensivstation, Monate im Krankenhaus, offene Wunden, zaubernde Ärzte, Rückenmuskeln, die am Knie neu anwachsen... Was hat der liebe Gott der Natur und den Menschen nicht alles an unfassbaren Heilungsmöglichkeiten und –Vielfalten geschenkt. Der Fixateur gehört dazu.
Heute ist Jan hier. Da sitzt er. Den Fixateur hat er selber für heute nachgebaut. Nur die Schrauben, das sind die Originalschrauben von damals.
Hinter der Kurve.... kann ganz schön was los sein. Kann ganz Schreckliches liegen oder auch etwas Wunderschönes.
Jan hat die Kurve gekriegt, Monate, nachdem er in der Kurve sein Leben fast verloren hatte. Wir sind Gott und allen, die daran mitgeholfen haben, dankbar, dass das möglich war.
Hinter der Kurve. ...

Einmal ganz weg vom Schrecklichen, ganz grundsätzlich betrachtet, liegt hinter der Kurve ... unser Leben vor uns, und es kann herrlich sein, fast wie über den Wolken, wo seit Reinhard Mey die Freiheit ja grenzenlos ist.
Und sind Kurven nicht grundsätzlich mindestens so schön wie Fliegen? Durch die Kurve gehen, reinlegen, am Scheitelpunkt langsam oder sogar rasant heraus beschleunigen. Wem willst Du das Gefühl erklären? Das muss man erlebt haben. Kein Mensch, der noch nie auf zwei Rädern unterwegs war, begreift diese Faszination. Man kriegt fast nicht genug davon.
Und ich finde, man kann es als Bild aufs Leben übertragen: Leben bietet doch auch immer wieder Stellen wie Kurven: Man sieht sie kommen, bremst kurz an, geht dann in Ideallinie rein, und auf dem Höhepunkt beschleunigt man raus, spürt die Fliehkraft, genießt das Gefühl, sie zu beherrschen. Und wenn man durch ist, stellt sich eine seltsame Befriedigung ein, als habe man etwas Wichtiges geschafft.
Aber bei aller Freude über das, was man da geschafft hat; ist da nicht auch eine gehörige Portion Trugschluss möglich? Ich meine vor allem das Gefühl, die Sache im Griff zu haben, das Gefühl von Beherrschung. Wenn wir meinen, wir hätten alles im Griff, sind wir dann nicht immer zugleich auch im Grenzbereich unseres Lebens angekommen, auf der Straße und im Alltag unseres Lebens?
Und tun nicht Abstürze aus solchen Momenten immer besonders weh, bzw. machen besonders viel Angst?
Und was tun wir dann, wenn es uns so ergeht?
Suchen wir Schuldige? Zeigen wir mit Fingern? Kommen wir bei dieser Suche und beim Fingerzeigen bis zu Gott und geben ihm Schuld? „Wie konnte er das zulassen?“ Oder gehen wir den anderen Weg und stilisieren uns, bzw. unsere Lieben zu so etwas wie gestürzten Helden? „Only the good die young? Oder Biker töten nicht, sie werden getötet?“
Ich würde gerne ganz wegkommen von der Frage nach Schuld. Ich glaube, diese Frage gibt es nur zwischen Menschen und vor irdischen Gerichten. Und wir werden dabei immer am Ende zu kurz fassen. Und vor allem wurde noch keiner wieder lebendig, bloß weil es einen Schuldigen gab. Die Frage nach den Schuldigen führt über kurz oder lang immer in die Verdrängung und anschließend in die Einsamkeit. „Ich war es jedenfalls nicht“, heißt die Antwort. Und wenn das alle sagen, steht einer am Ende ganz alleine da.
Ich will aber nicht alleine dastehen. Ich will leben. Durch die Kurve hindurch und auch hinter der Kurve will ich leben, ganz gleich, was sie mir bringt.
Und dazu brauche ich Gott. Gott dabei, auf dem Soziussitz oder noch viel besser im Herzen. Gott, nicht als Garantiebrief, auch nicht als Schuldigen, auch nicht als Versicherer für alle Lagen, sondern Gott, wie ihn fast unübertrefflich Psalm 139, in den Versen 9+10 schildert:

Und nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer, so würde auch dort deine Hand mich führen und deine Rechte mich halten...
Hinter der Kurve...
Wir Menschen sind immer wieder so verdammt sicher, dass wir den Kurvenausgang kennen. Dass wir das schon hinkriegen werden. Wir meinen, wir hätten geradezu ein Anrecht darauf, zu wissen, was kommt.
Und wisse doch nichts. Niemals weiß ich, was hinter der Kurve kommt. Ob Freude oder Gefahr, ob glücklicher Ausgang oder heftiger Sturz.
Und der Psalm sagt. Ich kann dennoch leben. Weil ich weiß, auch am äußersten Meer – die Menschen damals stellten sich einen Ort am Rand der Erdscheibe vor, direkt, bevor man ins endlose Nichts stürzt – ich weiß, selbst am äußersten Meer gehe ich nicht verloren.
Der Ausgang der Kurve bleibt wichtig. Aber er entscheidet nicht darüber, ob ich lebe. Jedenfalls nicht in der tiefsten Dimension des Lebens.
Keine Kurve dieser Welt kann mich aus dem Leben heraustragen, wie Gott es schenkt, was auch passiert.
Das ist heikel, so zu glauben. Denn man muss ziemlich viel loslassen, um sich auf diese Art in Gottes Hand zu geben. Wir sind nicht mehr ganz so große Helden, wenn wir die Kurven des Lebens unter dieser Überschrift meistern. Wir gehen aber auch nicht mehr verloren, geschehe, was will.
Leben wird neu sortiert, wenn man Gott mit in die Kurve nimmt.
Hinter der Kurve...
Wenn ich diesen Satzanfang, diese drei Worte versuche, mit Gottes Augen zu sehen, kann ich wagen, den Blick zu wechseln, weg von der Angst, weg von Schuldzuweisung, weg vom Zwang, alles selbst zu beherrschen. Hin auf eine ganz neue Art, die Kurve zu kriegen. Weil da einer ist, der sie voller Liebe mitfährt. Und weil das wichtiger ist, als dass der Kurvenausgang wie geplant verläuft.
Wer das zu glauben wagt, dem wird es auf Dauer den Fahrstil des Lebens verändern.
Leben und Fahren im Leben werden neu sortiert, wo wir mit Gott durch die unzähligen, unüberschaubaren, herrlichen, gefährlichen, erhebenden, zerstörenden Kurven des Lebens hindurch fahren.
Auf einmal geht das Doppelte:
Ich bleibe ich. Und doch bin ich nicht allein unterwegs.
Gott schenkt mir Leben, das bis zum Himmel reicht. Und trotzdem fahre ich meine Kurven quer durch diese Welt.
Ich bin mit Gott verbunden und doch zugleich dabei noch freier, als wenn ich alles allein mache.
Hinter der Kurve ...
Bin ich Moralapostel und Spaßverderber, wenn ich von den Gefahren und Bedrohungen spreche? Oder predige ich Träumerei, wenn ich von den wunderbaren Möglichkeiten hinter der Kurve erzähle? Oder bin ich weltfremd fromm, wenn ich einlade, Gott mit in die Kurve zu nehmen? Ich hoffe, ich bin nichts von alledem, sondern Prediger des offenen Endes einer jeden Kurve. Das ist Freiheit.
Und ebenso Prediger eines Gottes, der uns durch die Kurven unseres Lebens hindurch begleitet. Das ist Sicherheit.
Und schließlich Prediger des Lebens, das bis zum Himmel reicht. Das ist die Zukunft. Freiheit. Sicherheit. Zukunft.
Gott ist ein treuer Gott.
Das war er bei Jan.
Und ich sehne mich danach, dass er es auch bei jeder und jedem von uns sein darf.
Damit wir frei sind, aber nicht einsam.
Damit wir geborgen und gehalten fahren.
Damit wir Zukunft haben.
Hinter der Kurve ... und überall.

Amen.